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 Betreff des Beitrags: Freeze Frame
BeitragVerfasst: Fr 8. Sep 2006, 08:04 
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Gargantua
Gargantua
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Registriert: Mi 24. Aug 2005, 19:22
Beiträge: 2142
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Wieder mal so ein Film, den ich mir sofort kaufen musste, nachdem ich ihn mir aus der Videothek ausgeliehen hatte...sehr sch?n d?ster, und ein, wie ich es nenne, "Ger?uschfilm". Low Budget bedeutet nicht automatisch, dass der Film nichts taugt, wie dieses Beispiel eindrucksvoll beweist...


Freeze Frame

John Simpsons Deb?t ist ein radikaler, teilweise utopischer Mediendiskurs ?ber die Bedeutung der Bilder im Zeitalter des Reality-TV und der Video?berwachung. Die Kriminalgeschichte hinterfragt die Beweiskraft der Aufnahme und spart dabei nicht mit sozialkritischen Anspielungen.
Seitdem Sean Veil (Lee Evans) vor zehn Jahren vom Verdacht des Dreifachmordes freigesprochen wurde, filmt er jede Sekunde seines Daseins. Ohne Werbepause wird sein Leben von Dutzenden selbst installierten Kameras verfolgt. Was er auch tut, er glaubt an die Authentizit?t der Aufnahme. Sein selbsterdachtes Motto dabei lautet ?Off camera is off guard?. Sollte es erneut zu einer Anklage kommen, sind es eigener Logik zufolge die tausenden archivierten Kassetten, die ihn entlasten werden. Seiner Bef?rchtung wohnt die Ironie inne, dass sich ein zuk?nftiger Gef?ngnisaufenthalt nur geringf?gig von der selbst auferlegten Total?berwachung der Gegenwart unterscheiden w?rde. Sean Veil ist Gefangener einer unaufh?rlichen Sucht nach visuellen Beweisen. Sein Handeln wird von dem kafkaesken Gedanken, schuldig zu sein, ohne Schuld zu haben, determiniert. Beinahe w?rde sich diese Paranoia als Farce entpuppen. Ein todkranker Polizist und ein profilierungss?chtiger Autor haben es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, Veil hinter Gitter zu bringen. Als sie ihn erneut des Mordes beschuldigen, fehlen die entscheidenden Aufnahmen, welche seine Unschuld beweisen sollten. Lediglich eine Reporterin scheint auf seiner Seite zu sein, doch ihre Gr?nde liegen im Dunkeln.

Veil verk?rpert die Privatisierung des Orwell?schen Gedankens vom gro?en Bruder. In Zeiten, in denen permanente Kamerapr?senz zu einem normalen Bestandteil urbanen Lebens geworden ist, ist es nicht mehr nur der Mensch, den die multimediale Aufmerksamkeit ver?ndert. Das Medium selbst durchl?uft eine Transformation. Die Artifizialit?t der Aufnahme wird abgelegt und ersetzt durch den unhinterfragten Glauben an das Bild als Indikator der Wahrheit. Freeze Frame (2004) stellt diese Beweiskraft in Frage. Der Film ist inhaltlich eine klaustrophobische Kriminalgeschichte, angesiedelt im digitalen Zeitalter der Total?berwachung und der Nivellierung des Ichs. Nicht grundlos lautet Veils Name in deutscher ?bersetzung ?Schleier?. Jener scheint ?ber der Wahrheit zu liegen und von keiner Linse durchdrungen werden zu k?nnen.

Die Filmsprache nennt eingefroren wirkende Standbilder, die mehrheitlich im Eastern der 70er- und 80er-Jahre Verwendung finden, ?freeze frames?. Der Begriff wird in John Simpsons Film gewollt doppeldeutig verwendet. Um ein bestm?gliches Bild von Veils kalter Umgebung zu vermitteln, versieht der Autor und Regisseur die d?stere Handlung mit entsprechender Kulisse. Beinahe monochrom sind die Aufnahmen, die Bilder mehrheitlich in kalten Grau- und Blaut?nen gehalten. Vervollst?ndigt wird das emotionslose Erscheinungsbild durch das Einblenden von Timecodes und wechselnde Aufl?sungen, die nahezu alle Szenen durchziehen.

Der Zuschauer verfolgt die Handlung ?ber lange Strecken aus einer der ?berwachungskameras, was ihn unfreiwillig, aber auch unausweichlich zum Voyeur macht. Das gibt Sean die Rechtfertigung f?r seine Handlungen und dem Zuschauer Raum f?r ein Hinterfragen der Begriffe von Wahrheit und Trugschluss. Die Montage zwischen Film- und Videoaufnahmen erm?glicht dabei wechselnde Perspektiven auf die einzelnen Szenen. Das best?rkt den Glauben an die Wahrheit des Dargestellten, das aus verschiedenen Perspektiven gezeigt immer die gleiche Handlung beinhaltet. Simpsons low-budget Film spart nicht mit Sozialkritik an gegenw?rtigen Medienph?nomenen der Marke ?Big Brother?.

Freeze Frame ist eine ambitionierte Infragestellung der gegenw?rtigen Medienlandschaft. Die K?lte des Films wird sowohl von seiner ?sthetik als auch von den scheinbar gleichg?ltigen Charakteren ehrgeizig umgesetzt. Lee Evans spielt Sean Veil als durchweg unsympathische Figur, die kaum Raum f?r Identifikationen l?sst. Die an Memento (2000) angelehnte Handlung komplettiert zusammen mit der an Blair Witch Project (1999) erinnernden Kameraf?hrung den guten Eindruck.

Es bleibt ein Film, der durch intelligenten Einsatz der technischen Mittel eine ungewohnt k?hle, stilsicher umgesetzte Atmosph?re schafft und gekonnt zum Nachdenken ?ber die Psychologie der Vertrauenszuschreibung im Zeitalter manipulierbarer, digitaler Medien anregt.



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Ich haue meinen Penis mit der Eichel auf ein Holzbrett.


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BeitragVerfasst: Mo 11. Sep 2006, 05:44 
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Fleißiger Wichtel
Fleißiger Wichtel
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Registriert: Do 25. Aug 2005, 05:29
Beiträge: 115
Wohnort: Andernach
Ist schon etwas her, dass ich den Film sah. Ich wei? noch, die Atmosph?re war herrlich beklemmend und kalt und der Hauptdarsteller tat mir so schrecklich leid als er verzweifelt feststellte, dass ausgerechnet die paar Minuten Aufnahme, die ihn entlasten w?rden, fehlten. Aber ich meine mich auch zu erinnern, dass ich den Schluss etwas seltsam fand ... kriegs jetzt aber auch nicht mehr komplett zusammen.

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"In tiefen, kalten, hohlen R?umen
Wo Schatten sich mit Schatten paaren
Wo alte B?cher Tr?ume tr?umen
Von Zeiten, als sie B?ume waren
Wo Kohle Diamant gebiert
Man weder Licht noch Gnade kennt
Dort ist's, wo jener Geist regiert
Den man den Schattenk?nig nennt"


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BeitragVerfasst: Fr 30. Mär 2007, 19:01 
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Grand Moff
Grand Moff
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Registriert: Mo 29. Aug 2005, 08:59
Beiträge: 780
Wohnort: Leipzig Gothic City
Den Film gibt es jetzt als Beilage in irgendeiner Fernseh- oder DVD-Zeitschrift. F?r 4,99 ? oder so.

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Angels to some - Demons to others


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